„Die Erinnerungen, die bleiben, gelten den Momenten im Leben, die etwas bedeutet haben. Der Rest wird einfach vergessen.“
Gordon, The Seven Obsessions of Blaise Bordot (2013)
Es ist 2036. Robert wohnt im neunten Stock eines Neubaus in Elephant and Castle, ungefähr dort, wo früher das Heygate Estate stand. Es ist einer dieser Sonnentage. Der Kaffee hat sich selbst gebrüht, genau nach seinem Geschmack; die Maschine hat drei Jahre gebraucht, um ihn zu lernen. Die Wohnung riecht nach nichts Bestimmtem. Er setzt sich an seinen Schreibtisch. Seine E-Mails sind geschrieben und verschickt, über Nacht, in einer Stimme, die mehr nach Robert klingt als Robert selbst. Der Schreibtisch, der Stuhl, der exakte Winkel der Vase auf dem Regal, kopiert aus einem KI-generierten Mietpaket von der Stange: alles ausgewählt und arrangiert von einem System, das seine Vorlieben weit gründlicher studiert hat, als er es je getan hat. Lass den Blick langsam durch den Raum schweifen, und nichts bleibt hängen. Alles funktioniert. Es ist geradezu erhaben. Es ist perfekt.
Aber dann denkst du gründlicher darüber nach. Sehnen wir uns, wenn es um Perfektion geht, nicht immer nach dem Unvollkommenen? Wir sind Menschen; wir machen Fehler; die Fehler machen uns zu dem, was wir sind. Sobald alles für uns geregelt ist, wird diese KI-Zukunft ein wenig dystopisch. Schlimmer noch, sie ist langweilig. Robert ist wie alle anderen im Haus, die an diesem Tag an ihren Schreibtischen sitzen. E-Mails geschrieben. Gestylter Stuhl. Gestylte Vase. Gestyltes Leben. Wie öde. Wo ist die Reibung, das zusammengewürfelte Mobiliar, das handgemalte Bild, das etwas zu hoch hängt? Die Szene ist vergessenswert, weil sie wiederholbar ist.
Ich habe einmal darüber geschrieben, ohne es zu wissen. In meinem Roman kommt ein Junge wegen eines Zahnarzttermins früher von der Schule nach Hause und findet seine Mutter in heller Unordnung vor. Normalerweise führt sie das perfekte Haus; über seine Eltern sagt er: „Ihre Rollen waren bis zur Perfektion festgelegt und änderten sich nie.“ An diesem Nachmittag läuft Musik, überall stehen Gläser herum, die Küche ist ein Chaos. „Eines fiel mir auf“, sagt er, „zum ersten Mal hatte sie eine Persönlichkeit.“ Am Abend ist alles wieder beim Alten. Das Essen steht auf dem Tisch. Sein Vater bemerkt nichts.
Das ist der Preis des gestylten Lebens. Nicht unser Komfort. Unsere Persönlichkeit.
Diese Zukunft mag das perfekte Design, die perfekte E-Mail, das perfekte Essen oder Foto liefern, alles wie aus einer Form, aber ihr fehlt der unergründliche Funke dessen, der dahintersteckt. Plastifizierter Überfluss ohne Geschmack. Ein fader Pfirsich. Ein öder Science-Fiction-Film. Eine kraftlose Crème brûlée. Nichts davon verrät, wer es gemacht hat. Mühe war einmal ein Signal: für Können, für Leidenschaft, für eine Idee, die jemand bis tief in die Nacht recherchiert hat. Dieses Signal ist verstummt. Und irgendjemand, irgendwo, verkauft Robert die Stille. Umsonst ist sie nicht.
Ich sollte mit der Wahrheit herausrücken, bevor du es selbst merkst. Ich nutze jeden Tag KI. Auf dem Instagram-Kanal meiner Marke gibt es einen Fotografen namens Baz. Er ist nicht echt; die Models, die er fotografiert, auch nicht. Die Tights, die sie tragen, sind dagegen sehr echt.
Ehrlich gesagt mag ich Baz. Er ist meine Schöpfung. Ich steuere ihn und lasse ihn seine Models so fotografieren, wie ich sie haben will. Wie Caravaggio bestimme ich den Inhalt jedes Shootings und rücke eine Menschlichkeit in den Fokus, die zunächst seltsam wirken mag. Zumindest rede ich mir das gern ein, wie ein Dirigent oder ein Filmregisseur, der die Mittel nutzt, die er gerade zur Hand hat. Baz ist außerdem deutlich billiger. Da hast du es, auch ich habe meine Seele verkauft. Das Unvermeidliche unvermeidlicht sich. Wir alle werden Götter eigener Welten, während andere Götter über unsere herrschen. Zumindest können wir, in diesem künftigen gesellschaftlichen Konstrukt, kreativ damit umgehen, indem wir die Prompts verbessern.
Was bleibt also? Wir sind immer noch menschliche Körper in diesem Raum. Die Maschine kann ein Bild von uns machen, und ich habe gerade zugegeben, dass sie ziemlich gute macht. Aber sie kann nicht dort stehen, wo wir stehen. Es ist unsere Körperlichkeit, die sich über das Mittelmaß erhebt. Wie wir sehen. Wie wir uns bewegen. Was wir tragen wollen. Der Auftritt, den wir wählen. Wrestling hat das schon immer gewusst; die Ausrüstung kündigt die Figur an, bevor ein einziges Wort gesprochen ist.
Diese Zukunftsvision drehte sich nie wirklich um Futuristen oder Cyberpunk-Kids. Es geht um den ganz normalen Typen, dessen Leben sich so radikal verändert, dass es zugleich glatt und fade wird.
Für mich war es nie eine Option, in der Masse unterzugehen. Ich hatte immer eine Art Flair. Stell dir mich im Büro vor, mit dieser Krawatte aus dem Secondhandladen aus einer anderen Zeit. Unterschiedliche Socken. Strickjacken mit Knöpfen aus der Nähschachtel meiner Mutter. Abseits der Arbeit wählte ich schwierige Reisen, Äthiopien, die Transsibirische Eisenbahn, statt zwei Wochen an einem reizlosen Strand unter einer grellen, oberflächlichen Sonne zu braten.
Diese Sonne gehört für mich seit jeher Camus: das weiße Gleißen am Strand bei Algier in Der Fremde, so unerbittlich, dass Meursault ihr bei seinem Prozess am Ende die Schuld gibt. Die Dinge geschehen ihm unter ihr einfach. Robert lebt im selben existenziellen Wetter, nur klimatisiert. Sartre würde sagen, die Existenz geht der Essenz voraus; niemandem wird ein Selbst überreicht, wir müssen eines erschaffen. Manche von uns fangen mit einer Krawatte an.
Wir entscheiden uns, gesehen zu werden, in allem, was wir tun. In der Zukunft, die ich beschreibe, werden wir diese Entscheidung immer wieder treffen müssen, gegen ein System, das sie überflüssig machen soll.
Neon City
Die Neon City Renegades sind eine Gruppe von Wrestlern, die eines Tages nach Neon City kommen, um dort anzutreten. Die Stadt ist darauf optimiert, alles zu glätten, auch diejenigen, die ihre Identität offen tragen. Sie bekämpft sie nie. Sie verarbeitet sie. Genehmigte Kamerawinkel. Klebemarkierungen auf der Matte. Eine Stimme aus den Lautsprechern: Die Erzählung hat sich bereits stabilisiert.
Dann ersetzt sie sie. Am Ende der ersten Geschichte stehen vier Silhouetten im Ring, in den Umrissen der Renegades. Gleiche Größe. Gleiche Haltung. Keine Gesichter. Das Publikum jubelt auf Kommando.
Blitz Vector, der Speed-Fighter, behält einen Streifen schmutziges Tape; abgenutzt, schmuddelig, nichts wie der saubere Blitz, den die Stadt auf ihren Monitoren zeigt. Als Caravaggio die Madonna di Loreto malte, beschwerte man sich über die dreckigen Füße der Pilger. Am Ende tritt Blitz bewusst in den Schatten, außer Reichweite der Kameras. Die Lichter zögern. Zum ersten Mal weiß die Stadt nicht, welche Version sie zeigen soll.
Es ist kein Zufall, dass ich eine Stadt erfunden habe, die Menschen auslöscht. Meine größte Angst im Leben ist, nach meinem Tod ausgelöscht zu werden. Keine Erinnerung. Kein Vermächtnis. Keine Geschichte.
Das ist die Wendung, die mein Weg genommen hat; deshalb mache ich, was ich mache. BillingtonPix gibt es für alle, die sich weigern, vergessen zu werden. Ich verfolge Wrestling und Wrestling-Cosplayer, weil sie denken wie ich. Was lustig ist, denn Wrestling ist geskriptet. Alle in der Halle wissen, dass das Finish gebookt ist. Den Look bookt niemand.
Noch einmal Robert
Zurück in der Wohnung isst Robert seinen faden Pfirsich. Sein Tag ist vorherbestimmt. Seine E-Mails sind geschrieben. Seine Woche steht fest. Nicht aber, was er trägt. Das gehört noch ihm, wenn er es sich nur nimmt.
Er öffnet die Kleiderschranktür und starrt auf die Stangen. Fade Business-Anzüge. Nein danke. Er geht zur Kommode und zieht ein Paar Wrestling-Tights heraus: leuchtende, kräftige Farben, ein mutiges Muster. Stiefel bändigen das Elasthan; eine schlichte schwarze Jacke vollendet den Look.
Er kehrt an seinen Laptop zurück und antwortet auf seine letzte E-Mail. An seinen Chef. Es ist eine Kündigung. Er schreibt sie selbst. KI ausgeschaltet.
Im Aufzug nach unten braucht die Kamera, die ihm seit drei Jahren jeden Morgen einen guten Morgen wünscht, einen Moment länger als sonst.
Robert und sein Fotograf Baz sind KI-generiert. Die Blitz Vector Tights sind echt.